Das gute Bienchen

Es war einmal, es ist noch gar nicht so lange her, ein kleines Bienchen, das war stets fleißig und gut. Von allen Bienen brachte es den meisten Nektar nach Hause, und wo die anderen drei Mal am Tag über das Grün flogen, flog es sechs Mal.

 

Nun begab es sich, dass auf der großen Wiese, die in der Nähe des Bienenstocks lag, eine goldene Blume wuchs. Sie war strahlend schön wie die Sonne und schimmerte geheimnisvoll wie der Mond. Keine Biene getraute sich, Nektar aus dieser Blume zu holen, denn man sagte der fremdartigen Pflanze unberechenbare Zauberkräfte nach. Allein das gute, emsige Bienchen fasste sich ein Herz, summte sich eins und landete inmitten der funkelnden Blütenblätter. Dort sog es so viel Nektar heraus, wie es nur tragen konnte.

 

Als es damit zu seiner Königin kam, war diese zunächst hocherfreut über die edle Speise und dankte dem Bienchen von Herzen. Doch dann hörte sie die anderen Bienen flüstern, dass der Nektar aus einer unbekannten goldenen Blume stammte, und dass das Bienchen ihn mit dem Vorsatz geholt hatte, der Königin Böses anzutun. Sie munkelten sogar, dass das Bienchen, von Hochmut und Ehrgeiz besessen, die Königin hatte vergiften wollen.

 

Darüber war die Königin so erzürnt, dass sie das Bienchen zu sich rufen ließ, um es für immer aus ihrem Reich zu verbannen. Das Bienchen beteuerte seine Unschuld, allein es half ihm nichts. Es musste nicht nur den Bienenstock, sondern auch den Wiesengrund verlassen und durfte sich lediglich ein Körbchen voll Honig mitnehmen. Damit das Bienchen es auch recht schwer habe, wurden ihm noch gründlich die Flügel gestutzt. So zog es in die Welt hinaus, zu Fuß, und das Körbchen voll Honig war seine einzige Habseligkeit.

 

Es war schon eine Weile gegangen, da kam es in einen Wald. Auf einer Lichtung lag ein Bär, der wälzte sich gemütlich im Gras. Als er das Bienchen mit dem vollen, duftenden Honigkörbchen erblickte, fing er an zu jammern.

 

„Ach, ich armer Bär“, klagte er, „drei Tage und drei Nächte habe ich nichts mehr zu essen gehabt. Wenn mir nicht bald jemand etwas gibt, so werde ich elendig verhungern.“

 

„Da muss ich helfen“, dachte das Bienchen, denn es hatte ein großes Herz. Ohne zu zögern gab es dem Bären den Honig aus seinem Körbchen. Der schmeckte ihm recht gut und er lief zufrieden brummend davon, das Maul voll des süßen, klebrigen Honigs.

 

Das Bienchen aber nahm sein leeres Körbchen und zog weiter. Nach einer Weile gelangte es in ein weites Feld, darin flog fröhlich zwitschernd eine Drossel umher. Als sie das Bienchen erblickte, änderte sie ihr Lied.

 

„Ich arme Drossel“, sang sie klagend, „so weit ist der Weg zu meinem Nest, in dem meine Kinder hocken, und ich kann immer nur ein einziges Körnchen in meinem Schnabel tragen. Ach, hätt ich doch bloß ein Körbchen, ich könnte ein Vielfaches an Körnern auf einmal wegschaffen und alle meine Kinder anständig ernähren.“

 

„Die Drossel klagt zu Recht“, überlegte das Bienchen, und das Herz ging ihr auf, wenn es an die armen Drosseljungen dachte, „da muss ich helfen.“ Es schenkte der Drossel sein Körbchen, das zwar leer war, aber immer noch nach Honig roch. Die Drossel schnappte das Körbchen mit dem Schnabel und flog eilig davon.

 

Nun hatte das Bienchen nichts mehr. Es war müde und hungrig, aber in dieser Gegend gab es nur langstängelige Blumen, deren Blütenkelche das Bienchen mit seinen gestutzten Flügeln nicht erreichen konnte. So wanderte es weiter, bis es sich schließlich in einem kleinen Dorf wiederfand. Eine Maus flitzte vorbei, die wurde von einer schwarzen Katze verfolgt.

 

„Ach je“, rief die Maus, „ich arme Maus! Wenn mich die Katze packt, so ist’s mit mir vorbei!“ Und sie huschte kreuz und quer zwischen den Häusern hindurch, die Katze immer dicht hinter ihr.

 

„Was sein muss, muss sein“, dachte das Bienchen. „Die Maus kann sich nicht allein beistehen. Da muss ich helfen.“

 

Und wie die Katze gerade an dem Bienchen vorbeilief, stach es ihr mit ganzer Kraft in die Pfote. Die Katze sprang in die Höhe, miaute herzzerreißend und begann sogleich damit, sich das Gift aus der Pfote zu lecken. Die Maus fand ein Loch in einer Hauswand und war gerettet.

 

Das Bienchen aber hatte nun keinen Stachel mehr. Der steckte tief in der Pfote der Katze. Da musste das Bienchen aus dem Leben scheiden, denn ohne Stachel kann eine Biene nicht sein.

 

So geht’s denen, die zu gut sind für diese Welt und mehr hergeben, als sie haben.